Direkt zum Hauptbereich

One for the Road

 One for the Road

Der neue Film von Markus Goller und Oliver Ziegenbalg 



Zu Vino sagt Mark nie No. Voll wie eine Haubitze nimmt er“ One for the Road“ allzu wörtlich und wird prompt von der Polizei erwischt. Ohne Diskussion mit dem Beamten geht’s natürlich nicht: „Ich hab‘ doch „nur“ umgeparkt, hicks“. Da hilft kein Palaver, der Führerschein ist weg. Mark ist ein funktionaler Alkoholiker, hat einen anspruchsvollen Job als Bauleiter, verpasst hier und da zwar die ersten Termine, ist aber ansonsten zuverlässig. Er ist ein echter Sympathiebolzen. Jeder mag ihn. Auch die Kinozuschauer*Innen möchten diesen mit unschuldigem Dackelblick aus der Wäsche schauenden Knuddel in den Arm nehmen und ihn einmal kräftig durchschütteln. Denn Marks unkontrolliertes Trinkverhalten ist schon längst nicht mehr zu übersehen und macht seinen Kollegen und seinen besten Freunden schon lange Sorgen. Ihm natürlich nicht. Kennen wir. Die ersten Ergebnisse des Tests „Habe ich ein Alkoholproblem“ werden nicht nur gefeiert, sondern so richtig schön ins Lächerliche gezogen. 

Eine der Test-Fragen (Filmzitat): "'Wenn Sie einmal anfangen zu trinken, können Sie dann nicht mehr aufhören? Selbst wenn Sie schon längst betrunken sind?' Marks bester Freund Nadim: „Das bist du. Das ist doch sogar die Definition von Mark." 

Hahahaha, es ist doch alles gut so. Hoch die Tassen, schenk‘ noch mal nach, Yeah. Kennen wir auch. Erst als Mark volltrunken in eine extrem peinliche Situation gerät, traut sich Nadim, ihm zu sagen, dass es sehr auffällig geworden ist, dass er keinen Abend mehr ohne Totalabsturz beendet. Noch sichtlich erschüttert von der Peinlichkeit, aber immer noch uneinsichtig über das Ausmaß seiner Sucht, nimmt er die Wette an, die  Nadim ihm vorschlägt: 30 Tage ohne Alkohol. Eigentlich ein perfektes Timing, denn der MPU-Test steht an. Diesen mit Promille im Blut anzutreten, ist nämlich keine gute Idee. Selbstredend, dass Mark bei dieser Mission keine Gedanken daran verschwendet, wo die Wurzel des Übels vergraben liegt.

Filmzitat: "Guten Morgen, ich bin Verkehrspsychologe und mein Name ist Doktor Blau. Sie dürfen gerne darüber schmunzeln“. Mark: „Ganz ehrlich, ich hatte schon geparkt, keinem ist was passiert, die Welt hat sich weitergedreht und ich muss hier in dem Kurs sitzen."Doktor Blau: "Sie empfinden den Kurs also als Bestrafung?" Der ironisch dreinblickende Mark: "Nein, ich freue mich wirklich hier zu sein." Neben Mark sitzt Helena als perfekt passender Sidekick, herrlich süffisant gespielt von Everybody's Darling Nora Tschirner. Lieben wir. 

Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg hat dem Grimme-Preisträger Frederick Lau diese Rolle quasi auf den Leib geschrieben. Er spielt so gut, dass man fast glauben möchte, er würde sich selbst verkörpern.  Ziegenbalg hat im Vorfeld richtig gut recherchiert und sich Insiderwissen angeeignet, denn dieser Film bringt das Thema Alkoholsucht, die Stellung der Droge Alkohol in unserer Gesellschaft und die Meisterleistung, davon wieder loszukommen, messerscharf auf den Punkt. Kleiner Kritikpunkt: Die MPU-Teilnehmer*Innen kommen arg klischeehaft daher. Aber Schwamm drüber.

Regisseur Markus Goller hat das Drehbuch großartig in Szene gesetzt. „One for the Road“ ist die dritte gemeinsame Arbeit des Erfolgsduos. Nach zwei Roadmovies („Friendship“ und „25 km/h“)geht’s jetzt auf die nächste Straße, aber notgedrungen auf dem Fahrrad durch Berlin. Viel spannender aber ist die Reise ins tiefste Innere der Hauptfigur. 

Ziegenbalg und Goller  haben es geschafft, ein heikles Thema höchst authentisch und nicht allzu bierernst (oops) auf die Leinwand zu bringen. Bleibt jetzt noch die Frage, ob tatsächlich genug Besucher*Innen in die Kinos strömen. Wenn's um die liebste Droge der Deutschen geht, ist nämlich Schluss mit Lustig. Wer lässt sich schon gern den Spiegel vorhalten? Am Ende müsste man noch sein eigenes Trinkverhalten unter die Lupe nehmen. 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Katerland: Warum Alkoholabhängigkeit fast immer eine zweite Krankheit mit sich bringt

Katerland bestellen  Katerland: Warum Alkoholabhängigkeit fast immer eine zweite Krankheit  mit sich bringt.  „Wer sich mit Sucht beschäftigt, muss sich auch mit Stigmatisierung beschäftigen.“ Dieser Satz von Prof. Dr. Georg Schomerus hat es in sich. Denn beim Lesen seines Buches „Katerland“ wurde mir noch einmal schmerzhaft bewusst, dass eine Alkoholabhängigkeit fast immer eine zweite Diagnose mit sich bringt: Stigma.   Georg habe ich beim zweiten OAMN-Sommerkongress und später beim Recovery Walk in Leipzig persönlich kennengelernt. Deshalb ist er für mich auch in diesem Text einfach Georg.   Von der Industrie, der Lobby, der Politik und der Gesellschaft wird mit dem Finger auf Menschen gezeigt, die mit dem „Genussmittel“ Alkohol (des Deutschen heiligstes Kulturgut) nicht umgehen können. Ihnen wird vorgegaukelt, sie seien selbst schuld, weil sie dieses vermeintliche „Genussmittel“ nicht im Griff hätten. „Kulturgütiger!“  In „Katerland“ lesen wir ...

22 Bahnen - Verfilmung des Buchbestsellers

22 Bahn Buch bestellen Bis ans Ende der Zeit, bis kein Regen mehr fällt, gegen den Sturm, am Abgrund entlang … (Durch den Monsun) Ida, Tildas kleine Schwester, geht nur dann gern ins Schwimmbad, wenn es regnet. Dann hat sie das große Becken nämlich ganz für sich. Menschenmengen mag sie nicht. Tilda ist längst ihr Mutterersatz geworden. Die beiden wachsen in einer Familie auf, die ein klassisches Beispiel für Dysfunktion ist. Die Mutter ist alkoholabhängig. Betrunken zündet sie gern mal die Küche an, verliert schnell die Kontrolle und ihr rutscht immer wieder die Hand aus. Am nächsten Tag, wenn sie von Schuldgefühlen geplagt wird, schnitzt sie liebevoll Radieschenröschen, deckt den Frühstückstisch und versucht, mit den Kindern Dialoge zu führen, die so künstlich daherkommen, dass es wehtut. Die beiden Mädchen wissen sofort: Jetzt kommen wieder die Versprechen, dass dieser Absturz der letzte war. Und das hält eben so lange, bis die Mutter in die stabile Seitenlage gebracht werden muss un...

Die guten und die besseren Tage

  Frauen und Alkohol - Die guten und die besseren Tage Mit Pfefferminzspray ist sie zwar kein Prinz, aber zumindest riechen Suzannes drei Kinder ihre Fahne nicht. Suzanne ist alleinerziehende Mutter von drei Söhnen. Morgens wankt sie zur Arbeit, abends kann es nicht schnell genug gehen, bis die Kinder endlich im Bett sind - zu sehr ist sie genervt von ihnen. Den nächsten Schluck kann sie kaum erwarten. Viele von uns kennen dieses Gefühl. Besonders wenn Kinder mit im Spiel sind, kommt dieses mega schlechte Gewissen dazu. Aber man ist dem Alkohol längst ausgeliefert. Nach einem Unfall verliert Suzanne das Sorgerecht. Um es zurückzubekommen, muss sie einen Entzug in einer Klinik antreten. Dort trifft sie auf weitere Frauen aus unterschiedlichen Schichten in ähnlichen Situationen. Gemeinsam sollen sie sich einer ungewöhnlichen Herausforderung stellen: der Teilnahme an einer Dünen-Rallye in der marokkanischen Wüste - als Teil der Therapie. Eine tolle Metapher für das, was innerlich in B...