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Katerland: Warum Alkoholabhängigkeit fast immer eine zweite Diagnose mitbringt



 Katerland: Warum Alkoholabhängigkeit fast immer eine zweite Diagnose mitbringt

„Wer sich mit Sucht beschäftigt, muss sich auch mit Stigmatisierung beschäftigen.“ Dieser Satz von Prof. Dr. Georg Schomerus hat es in sich. Denn beim Lesen seines Buches „Katerland“ wurde mir noch einmal schmerzhaft bewusst, dass eine Alkoholabhängigkeit fast immer eine zweite Diagnose mit sich bringt: Stigma. 

 Georg habe ich beim zweiten OAMN-Sommerkongress und später beim Recovery Walk in Leipzig persönlich kennengelernt. Deshalb ist er für mich auch in diesem Text einfach Georg. 

 Von der Industrie, der Lobby, der Politik und der Gesellschaft wird mit dem Finger auf Menschen gezeigt, die mit dem „Genussmittel“ Alkohol (des Deutschen heiligstes Kulturgut) nicht umgehen können. Ihnen wird vorgegaukelt, sie seien selbst schuld, weil sie dieses vermeintliche „Genussmittel“ nicht im Griff hätten. „Kulturgütiger!“ 

In „Katerland“ lesen wir anhand von Georgs Erfahrungen, wie sehr sich Stigmatisierung sogar in der Unterbringung alkoholabhängiger Menschen zeigen kann. Als er als Oberarzt an die Suchtklinik Stralsund kam und ihm die Leitung der Suchtstationen angeboten wurde, fand er Zimmer mit fünf Betten, feuchte Badezimmer und zerschlissene Sofas vor. Die Patientinnen und Patienten müssen sich dort wie bestraft, gedemütigt und geprügelt vorgekommen sein. 

Die Werbeindustrie untermauert ihre Kampagnen mit „Genuss“, „Freiheit“ und einer halben Milliarde Euro Werbebudget. Pro Jahr. Und nur in Deutschland. Ich sehe sie direkt vor mir: die hübschen Menschen, die barfuß am Strand „genussvoll“ unter Palmen weißen Rum schlürfen und dabei sexy, gesund und glücklich ihre Hüften schwingen. In „Katerland“ lesen wir dagegen, dass im wahren Leben genau das Gegenteil passiert: Alkoholkonsum verursacht Krankheiten, Unfälle und Todesfälle und trifft eben nicht nur diejenigen, die trinken, sondern auch völlig Unbeteiligte. Leider steuert die Politik in Deutschland nicht dagegen. Sie hinkt der Wissenschaft weit hinterher und ignoriert Erfolgsmodelle aus anderen Ländern, so Georg. Warum wohl? Ich frage für einen Freund … 

Die Alkoholindustrie befeuert das Narrativ vom „verantwortungsvollen Trinken“. Dabei sorgen allein die 2,5 Prozent der Konsumierenden mit dem höchsten Alkoholkonsum in Deutschland für 20 Prozent des Umsatzes. Die Hälfte ihres Umsatzes macht die Industrie mit Menschen, die riskant oder hochriskant Alkohol trinken. Von dieser Kundschaft lebt sie, macht sie in ihrer Werbung aber unsichtbar. Georg bezeichnet diese Strategie als „menschenverachtend“. Völlig zu Recht, wie ich finde. Selbstredend wäre es für die Industrie eine Katastrophe, wenn sich genau diese Menschen von heute auf morgen unserer Recovery-Bewegung anschließen und keinen Alkohol mehr kaufen würden. Auch nicht die kleinen Fläschchen direkt an den Supermarktkassen, deren Verkauf Georg kritisch unter die Lupe nimmt.   

 Besonders beeindruckt hat mich, wie viele meiner früheren Gedanken ich in diesem Buch wiedergefunden habe. Gedanken aus der Zeit, als ich noch abgrenzend auf der anderen Seite von „denen da“ stand und niemals dazugehören wollte. Alkoholikerin? Ich? Nein, never in my life! In „Katerland“ lesen wir, wie tief wir die abwertenden Bilder von denjenigen verinnerlicht haben, die es nicht im „Griff“ haben. Und wie sehr wir uns mit einem „Ach, die da, da gehöre ich ja nicht dazu“ von anderen abgrenzen, um den eigenen Konsum nicht hinterfragen zu müssen. 

Mika vom Podcast „SodaKlub“ hat dafür einmal ein Wort benutzt, das in diesem Zusammenhang zu meinen Lieblingswörtern gehört: Abgrenzungsgymnastik. Herrlich.

 „Studien zeigen tatsächlich: Je negativer Menschen über andere Menschen mit Alkoholabhängigkeit denken, desto unkritischer sehen sie ihren eigenen Alkoholkonsum, und das gilt insbesondere für Menschen, die riskante Mengen Alkohol trinken“, so Georg. Wumms, der hat gesessen. Ich war nämlich keinen Deut anders. 

 Beim Lesen des Buchs kam kurz Panik in mir auf: „Oh weh, ich bin im Oktober zu Gast in Nathalies Podcast ‚Ohne Alkohol mit Nathalie‘. Was habe ich da denn gemacht? Hilfe, was werden die Leute über mich denken?“ In unserer mit viel Glitzerstaub gefüllten Bubble erlebe ich so viel Offenheit und Freiheit, dass ich fast vergessen hatte, wie außerhalb unserer Blase über Menschen gedacht wird, die noch mittendrin stecken oder ihre Alkoholabhängigkeit, wie ich und Millionen andere, überwunden haben. Und wie olympiareif dort noch immer Abgrenzungsgymnastik betrieben wird. Diese Gedanken habe ich aber ganz schnell hinterfragt und beiseitegeschoben. 

 Ich als eine, die ihre Alkoholabhängigkeit überwunden hat, feiere „Katerland“. Als ich selbst noch am Anfang meiner Abstinenz stand, hätte ich im Leben nicht geglaubt, dass ich eines Tages locker-flockig von meiner Abhängigkeit erzählen würde. Als ich Georg zum ersten Mal im Podcast „SodaKlub“ hörte, war ich quasi schockverliebt. Platonisch, versteht sich 😉 Beim Titel „Professor“ erstarre ich normalerweise vor lauter Respekt zur Salzsäule. Georg erzählt aber so locker und witzig von seiner Forschung und teilt sein Wissen so leicht verständlich, dass die Salzsäule in sich zusammenbrach und ich dahingeschmolzen bin.

Georg schreibt so, wie er spricht. „Katerland“ ist kein trockenes wissenschaftliches Sachbuch, durch das man sich mühsam kämpfen muss. Er verbindet Erkenntnisse aus der Forschung mit persönlichen Erfahrungen aus seiner Arbeit als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Leicht verständlich erklärt er, wie Stigmatisierung entsteht, was sie mit den Betroffenen macht und warum sie sogar verhindern kann, dass Menschen sich rechtzeitig Hilfe holen. 

Trotz des ernsten Themas schreibt er locker und immer wieder auch witzig. Genau das macht dieses Buch für mich so besonders: viel zu erfahren und dabei immer wieder schmunzeln zu können. 

 Ich wünsche mir sehr, dass dieses Buch nicht nur von Menschen gelesen wird, die selbst eine Alkoholabhängigkeit überwunden haben oder noch mittendrin stecken. Es gehört genauso in die Hände des Bundesgesundheitsministeriums, der Ärztekammern, der Krankenkassen, der Ärztinnen und Ärzte und der Verantwortlichen im Lebensmittelhandel, die mit darüber entscheiden, ob der Lebensmitteleinkauf für Menschen mit Alkoholabhängigkeit zum Spießrutenlauf wird. Und in die Hände all derjenigen, die beruflich oder gesellschaftlich dazu beitragen können, Stigmatisierung abzubauen. 

 „Katerland“, you made my day, my week and my year!


#katerland #nüchtern #ohnealkohol 

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